Rede der Präses Frau Dr. Gundelach zum Bürgertag 2014 im Hamburger Rathaus am 30.10.2014

1511246_1516884638565568_6167275509717669937_nPräsidium mit Mitglieder in historischen Kostümen


– Es gilt das gesprochene Wort –

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

erlauben Sie mir zunächst eine Bemerkung in eigener Sache: Der Zentralausschuß ist wieder voll handlungsfähig. Alle Verfahren sind zu unseren Gunsten abgeschlossen.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

Hamburg ist eine Bürgerstadt und dafür weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Deshalb hat der Bürgertag hier Tradition, zu dem der Senat die Bürgervereine der Stadt einlädt. Und Hamburgs Bürger sind zu Recht Stolz darauf eine Bürgerstadt zu sein.

Die Bürgervereine sind keine Bürgerinitiativen, sie sind aber auch keine Vereine, die nur die Geselligkeit zum Ziel haben. 1886 wurde der Zentralausschuß gegründet, weil der Honoratiorenverein Senat die Anliegen der Bürger angeblich nicht ernst genug nahm. Die Bürgervereine haben von Anfang an sich aktiv und konstruktiv in die Geschicke der Stadt eingebracht und viel Positives bewirkt. Es ist ihnen immer wieder gelungen, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden.

Auch heute steht die Bürger-, die Zivilgesellschaft wieder vor großen Herausforderungen. Dabei geht es diesmal nicht so sehr um die äußere Gestaltung der Stadt als vielmehr um deren inneren Zusammenhalt. Hamburg steht wie viele Städte in Deutschland vor der Herausforderung, Woche für Woche zahlreiche Flüchtlinge und Asylsuchende aufzunehmen und ihnen Obdach und Essen zu geben. Sicher ist dies in erster Linie Aufgabe der Politik, aber können wir es als Bürgervereine dabei bewenden lassen?

Was hat diese Aufgabe mit den Bürgervereinen zu tun? Ich denke sehr viel. Bürgervereine wirken vor Ort. Sie sind in ihren Stadtteilen verankert, kennen sich aus und wissen um die Befindlichkeiten der Menschen. Wir wissen, wie sie denken, was sie bewegt und auch was sie ärgert. Eine erfolgreiche Bürgergesellschaft ist ohne ehrenamtliches Engagement nicht denkbar. Deshalb sind wir alle aufgefordert, unseren Beitrag zu leisten, diese Opfer von Krieg und Terror, die in der Regel aus purer Not zu uns gekommen sind, zu integrieren.

Damit wollen wir nicht der zuständigen Behörde die Arbeit wegnehmen. Sie hat wohl genug damit zu tun, allein die baulichen und logistischen Voraussetzungen zu schaffen, aber wir können sie unterstützen. Ich denke bei unseren Aktivitäten vor allem an die emotionale, menschliche Integration, nicht an die formale. Dazu möchte ich einen ganz altmodischen Begriff aufnehmen, der über viele Jahre in Deutschland verpönt war, durchaus auch aus nachvollziehbaren Gründen, der sich aber in den letzten Jahren wieder eines ständig wachsenden Zuspruchs erfreut: Wir müssen den Menschen eine Heimat geben. Heimat ist gerade in unserer unsicheren Zeit für die Menschen immer wichtiger geworden. Globalisierung und Internationalisierung, Berufs- beziehungsweise beruflich bedingter Standortwechsel und vieles andere mehr sind hier die Stichworte. Menschen aber wollen wissen, wo sie zu Hause sind, wo sie sich sicher fühlen.

Flüchtlinge haben ihre Heimat verloren. Manch einer von Ihnen erinnert sich vielleicht noch daran, selber seine Heimat verloren zu haben, oder aber die Eltern und Großeltern. Die meisten haben sich damals sehr gefreut, hier im damaligen Westen Deutschlands gut aufgenommen worden zu sein. Manche von Ihnen werden sagen, die Flüchtlinge wollen doch in der Regel wieder zurück. Ja, das stimmt, aber es werden auch welche bleiben, aus welchen Gründen auch immer, sei es, dass es ihnen bei uns gefällt oder dass sie eine Arbeit gefunden haben oder dass sie einfach nicht mehr zurück können.

Aber unabhängig davon: Es gibt auch eine Heimat auf Zeit und es gibt auch die Möglichkeit, zwei oder gar drei Heimaten zu haben. Man kann in seinem Geburtsland zu Hause sein und sich dennoch an seinem neuen Wohnort aufgehoben fühlen. Unsere Zeit ist durch Wandel und Wechsel geprägt, ob beruflich oder privat, oder aber durch äußere Ereignisse verursacht. Es war schon immer das Bestreben der Menschen, dort auch wirklich anzukommen, wo einen das Schicksal hin verschlagen hat.

Was können wir nun konkret unternehmen, um den Flüchtlingen das Gefühl zu geben, sich als unsere Gäste zu fühlen. Wir können sie z.B. zu unseren Veranstaltungen einladen, wir können ihnen mit Sachspenden helfen, wir können so eine Art Patenschaft für einzelne oder gar eine ganze Familie übernehmen und wir können ihnen helfen, sich in dem für sie fremden Land heimisch zu fühlen. Die Sprachbarrieren sind sicher nicht einfach zu überwinden, aber ich denke, auch hier lassen sich Wege finden. Darüber wollen wir im kommenden Monat im Rahmen einer Klausurtagung mit unseren Vereinen reden.

Und noch einen weiteren Aspekt möchte ich anführen. Auch wenn viele unserer Gäste nicht auf Dauer im Land bleiben wollen, so haben sie doch vielleicht Freunde hier gewonnen. Und darüber können sie berichten, wenn sie wieder zu Hause sind und zusammen können wir dazu beitragen, dass wir uns über die Grenzen hinaus besser verstehen. Denn ich bin sicher, dass unsere Gäste, wenn sie sich wirklich als solche gefühlt haben und wenn sie dann wieder in ihrer Heimat zurück sind, dort über ihren Aufenthalt bei uns erzählen und so bei sich zu Hause dazu beitragen, Hass, Vorurteile und Falscheinschätzungen abzubauen und einer möglichen Radikalisierung den Boden zu entziehen. Wir können mit praktizierter Gastfreundschaft auch einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.

Ich denke, das ist eine Aufgabe, der wir uns nicht entziehen sollten. Wir können nicht alles dem Staat überlassen und wir sollten es auch nicht. Denn Gesellschaft funktioniert nur, wenn der Einzelne in und für die Gesellschaft Verantwortung übernimmt. Und unsere tätige Mitwirkung entspricht unseren Wurzeln, für Menschen in unserer Stadt da zu sein. Wir wohnen heute in einem sogenannten Global Village, in einem globalen Dorf, in dem wir eben nicht mehr alleine sind. Vielleicht können wir diesen Gedanken gleich noch beim geselligen Beisammensein vertiefen, zu dem uns der Bürgermeister freundlicherweise eingeladen hat und zu dem ich uns viel Spaß und gute Gespräche wünsche.

Vielen Dank!